
Damit kann man so manchen Porsche zersägen. Noch immer Platz 1 in der Hall of Fame.
Opel Speedster Turbo 31.07.2004
Mit dem Lockruf „Fahrt doch mal den Speedster Turbo, ihr werdet merken: reinschlüpfen und Spaß haben“ haben wir uns von Opel verführen lassen. Wenn wir das gewusst hätten ... Ende Juni stand das Ding also vor der Tür: gelb – gut – giftig. Der 2 Liter Turbo bringt 200 PS, 250 Nm und die Beschleunigung wird mit 4,9 sec angegeben. Damit kann man selbst die kleineren Ferraris schocken. Auf der Suche nach dem Kofferraum stoßen wir vorne ins Leere, bzw. ins Volle. Hinter den Sitzen lauert der Mittelmotor und dann, ja da issa ja, der Schmink-Kofferraum. Immerhin 200 Liter ! Handschuhfächer, Ablagen, Stauraum innen sind ebenso Fehlanzeige, wie Sonnenblenden. Am Armaturenbrett entschädigt unsere Nummern-Plakette der limitierten Auflage. Jedes Fahrzeug wird in Hand-Arbeit hergestellt. Und so langsam werden wir etwas nervös, denn das hier scheint doch etwas Besonderes zu sein. Na dann wollen wir mal „reinschlüpfen und uns wohlfühlen“. Bloß wie? Denn nicht so relevant ist die Breite von 173 cm, sondern die Höhe von nur 112 cm. Damit wird das Ein- und Aussteigen zu einer Extremsportart. Denn sind die Dachholme montiert, liegt die Oberkante bei rund einem Meter, der Schweller auf 40 cm. Limbo ist dagegen ein Rentnertanz.
Speedster-Fahrer werden in jeder Hinsicht hart im Nehmen. Nach einer Woche gingen die blauen Flecken langsam zurück, denn wir hatten die Technik raus. Nur ein paar Stunden haben wir für den Angst-Abbau gebraucht, dann genießen wir diesen männlichen Urtraum: Lustgefühl auf Knopf-Druck. Die Schaltung vermittelt das Gefühl, als würden die Zahnräder sich von alleine finden, das helle Knacken am Hebel ist nur die dezente Drohung an den Ampelnachbarn. Schnell spürt man: der Speedster lässt sich auch mit bösem Willen kaum aus der Kurve kippen. Und die Grenzen der Fahrwerksleistungen sind im Bereich der StVo einfach nicht feststellbar. Dann kommt der volle Tritt aufs Gaspedal und von da an ist die Autowelt nie wieder, wie sie einmal war. Denn eigentlich gehört auf dieses gelbe Flunder ein Warnhinweis: Achtung, das Besteigen dieses Fahrzeuges kann schon nach der ersten Fahrt süchtig machen und zu Herz- und Kreislauf-belastungen führen. Deshalb sollten zum Lieferumfang auch zählen: eine Flasche Doppelherz, ein Meditations-CD und für danach: eine Familienpackung Valium.
Dieses typische Süffeln und Zischeln wir bald zum allgegenwärtigen Turbo-Lebensgefühl. Fußgänger laufen nicht mehr bei Rot vors Auto, Spurwechsler warten lieber, bis die gelbe Gefahr vorbei ist. Nach ein paar Tagen strotzen wir vor Selbstvertrauen und wagen uns zum Berliner Motorrad-Fahrer Treff, im Volksmund die „Spinner-Brücke“ genannt. Ein Auto sollte man nicht zwischen die Motorräder stellen, mit dem Speedster Turbo kein Problem. Wir legen noch eins drauf und fragen die Schrauber nach dem Turbo-Prinzip.
Der sprachliche Rückfall in den Szene-Jargon sei uns gestattet: „Damit zersägste jeden 911er“. Zwar ist mit rund 245 beim Opel Schluss, aber in Stadt und Land stehen da einfach mal in der nackten Version ein Gewicht von nicht mal 950 Kilo und 200 PS, also rechnerisch 4,75 kg/PS. Das Leistungsgewicht des Porsche Carrera 4 liegt bei 4,8 ! Wir haben wirklich einige extreme Fahrzeuge erlebt, aber der Speedster Turbo ist ober-brutal, vor allem auf dem Boulevard. Und das meinen wir nicht im Sinne von PS-Verherrlichung, sondern von Effektivität. Die bezieht sich nämlich auch auf Wirkung. Das Interesse ist aber durchgängig positiv, denn der Speedster ist mit 379 cm deutlich kürzer, als Golf und Astra. Worte, wie Wichser-Karre o.ä. haben wir nie gehört. Das ist eher eine naive Faszination, eine freundliche Neugier und solidarisches Spaß-Gefühl. „Toll, irre und abgefahren“ sind die Kommentare, und aus dem Wohnumfeld kam sogar die Formulierung: „Ratten-scharfes Auto“. Oder O-Ton der sonst sehr rationalistischen Geschäftsführerin eines traditionsreichen Berliner Immobilien-Unternehmens: „Man, bei dem Sound geht dir ja wirklich einer ab!“ Dreimal hätten wir den Wagen sofort verkaufen können, denn spätestens bei der Preisangabe kommt noch die Häme obendrauf, weil eben Profilneurotiker, Exis und sexuelle Sublimierungs-Täter für solche Fahrleistungen bei Ferrari & Co das drei- bis zehnfache hinblättern müssen. Ja, die unverbindliche Preisempfehlung für das Ding lassen wir jetzt erst mal wirken : ab 36.865 Euro.
Und beim Thema Geld noch einen oben drauf: je nach Fahrweise kann der Verbrauch bis auf rund 8,5 Liter gesenkt werden. Was den Wagen so sympathisch macht, ist eben seine Wirkung. Während andere Fahrmaschinen aus der Abteilung „Super-Sportwagen“ mit ihrem negativen Image zwischen Dealer und Zuhälter zu kämpfen haben, gilt für den Speedster Turbo die Bilanz: fun & drive in seiner schönsten Form, nackter Fahr-Spaß eben, Leistungen der Superlative, und das alles mit öffentlicher Zustimmung. Welches Auto kann das schon für sich beanspruchen?